#StolenMemory-Schulprojekt in Griechenland: Auf den Spuren der Effekten
Vor einem Jahr haben sich verschiedene griechische Schulklassen auf die Suche nach den Verwandten von mehreren NS-Opfern aus Griechenland gemacht, um ihnen persönliche Gegenstände zurückzugeben. Inzwischen wurden bereits alle der gesuchten Familien gefunden.
Zwischen 1941 und 1944 wurde Griechenland von den Nationalsozialisten besetzt. In der Folge mussten Hunderttausende Griech*innen in ihrer Heimat Zwangsarbeit leisten, mehr als 200.000 Menschen starben unter den katastrophalen Bedingungen. Ab 1943 haben die Nationalsozialisten Zehntausende griechische Jüdinnen und Juden deportiert und ermordet. Circa 10.000 nicht-jüdische Griech*innen wurden in das Deutsche Reich verschleppt. Von fünf dieser NS-Opfer bewahren die Arolsen Archives noch persönliche Gegenstände – die sogenannten Effekten – auf, die ihnen bei der Verhaftung abgenommen worden waren.
Schüler*innen als Detektive
Die erste persönliche Übergabe einer griechischen Effekte fand 2024 dank des Historikers Loukas Lymperopoulos und Vaso Panagou, der Enkelin eines Neuengamme-Häftlings, in der griechischen Botschaft in Berlin statt. Sie hatten die Enkelin von Vasilios Kontogeorgiou gefunden. Um weitere Freiwillige für die Suche nach den Familien zu gewinnen, riefen das griechische Außenministerium und das Bildungsministerium Anfang 2025 die Schulen im Land auf, bei #StolenMemory mitzumachen. Im Außenministerium wird das Projekt von Georgios Polydorakis, Leiter der Diplomatischen Archive und griechischer Vertreter im Internationalen Ausschuss der Arolsen Archives, koordiniert.
16 Schulen aus verschiedenen Orten in Griechenland sind seither dabei. Die Schülergruppen leisten echte Detektivarbeit: Sie recherchieren vor Ort in Archiven und Melderegistern oder bitten lokale Organisationen wie das Rote Kreuz oder die Polizei um Hilfe. Ihre Lehrer*innen unterstützen sie dabei und integrieren in der Regel auch ein Lernprogramm rund um die Geschichte der NS-Verfolgung in Griechenland.
“Ich wünschte, Geschichtsunterricht würde öfter auf diese Weise stattfinden – so, dass man Geschichte nicht nur vermittelt bekommt, sondern sie gewissermaßen betreten und hautnah erleben kann. Das würde Schule sehr viel spannender machen.”
Eleni Boutraki, Schülerin an der Evosmos-Schule in Thessaloniki
Der erste Sucherfolg: Ein tragisches Schicksal
Im Sommer 2025 gelang Schüler*innen der Aspropyrgos Oberschule in der Nähe von Athen der erste Sucherfolg. Sie fanden einen Verwandten von Theofilos Simonidis, der ab Mai 1944 als politischer Häftling im Konzentrationslager Neuengamme inhaftiert war. Er gehört zu den Opfern der Cap-Arcona-Tragöde in der Lübecker Bucht, bei der in den letzten Kriegstagen mehr als 6.000 Häftlinge starben. Seine persönlichen Gegenstände – eine Taschenuhr und ein Glücksbringer mit einem Hufeisen – bewahrten die Arolsen Archives seit 1963 auf.
Die Schüler*innen fanden nach einer intensiven Recherche – unter anderem in den Archiven des Griechischen Roten Kreuzes und der Universität Thessaloniki, wo Theofilos vor seiner Verhaftung Jura studierte – den Sohn von Theofilos‘ Cousin. Sie gaben ihm die Effekten gemeinsam mit der damaligen Direktorin der Arolsen Archives, Floriane Azoulay, und dem griechischen Vertreter im Internationalen Ausschuss der Arolsen Archives, Georgios Polydorakis, bei einer bewegenden Zeremonie in Thessaloniki persönlich zurück.
Georgios Hanas: Endlich erfährt die Familie sein Schicksal
Kurze Zeit später fand eine Schülergruppe der Evosmos-Berufsschule in Thessaloniki die Nichte von Georgios Hanas, Renia Kontogeorgis. Ihre Familie erfuhr durch die Arbeit der Schüler*innen nicht nur, dass die Arolsen Archives noch einen Ring von ihm aufbewahren. Sie erhielten auch Informationen über seinen Verfolgungsweg, sein Geburts- und sein Todesdatum sowie seine Grabstelle bei Hamburg – Auskünfte, nach denen seine beiden Schwestern nach dem Krieg jahrelang gesucht hatten.
Quelle des Fotos: Kathimerini.
Gemeinsam mit ihrer Tochter buchte Renia Kontogeorgis sofort einen Flug nach Hamburg, um die Gedenkstätte Neuengamme und das Grab ihres Onkels auf dem Friedhof in Hamburg-Ohlsdorf zu besuchen. An seiner Grabstätte hielten die beiden eine Zeremonie. „Ich hatte das Gefühl, gesegnet zu sein, nun die letzten Schritte zu ihm gehen zu dürfen – Schritte, die in unserer Familie noch niemand gegangen war.“ Die bewegende Übergabe der Effekten durch die Schülergruppe fand am 28. November im Akropolis Museum in Athen statt – auf den Tag genau 81 Jahre nach Georgios Hanas Tod.
Schülergruppe findet den Sohn eines KZ-Häftlings
Im Oktober 2025 fanden die Schüler*innen der des Gymnasiums von Neochori in Artà schließlich den 83-jährigen Antonis Taktikos. Sein Vater Christos war 1944 verhaftet und deportiert worden, weil er einem jüdischen Paar geholfen hatte, sich vor den Nazis zu verstecken. Er kehrte nie zurück und Antonis fragte sich Zeit seines Lebens, was mit ihm geschehen war. Als die Schülergruppe sich bei ihm meldete und ihm mitteilte, dass sie ihm zwei Ringe übergeben können, die seinem Vater im KZ Neuengamme abgenommen worden waren, war er völlig überrascht und konnte er es kaum fassen. „Ich bin 83 Jahre alt und hatte 83 Jahre lang keinen Vater. Die Auffindung dieser Gegenstände ist ein Zeichen des Lebens“, sagte er bei der feierlichen Übergabe am 2. Februar 2026 in Thessaloniki.
In diesem Fall hatten die Schüler*innen eine besonders langwierige und komplexe Recherche hinter sich gebracht, bis sie den Sohn endlich fanden – von einer großen Suchaktion über Presse und Social Media über die Recherche in unzähligen Archiven und Melderegistern bis hin zur Einschaltung der Polizeibehörden. Der überwältigenden Emotionen bei ihrem Sucherfolg machten die Mühen aber mehr als wett, wie eine der Schülerinnen bei der Übergabe erzählte: „Als wir ihn schließlich gefunden hatten, waren wir sehr berührt. Er ist Teil unseres Alltags geworden. Fast jeden Tag haben wir uns mit seiner Geschichte befasst.“
Seit März 2026 sind nun dank der Hilfe weiterer Schulklassen und des Griechischen Roten Kreuzes bereits alle Familien der Effektenbesitzer aus Griechenland gefunden.