Schülerinnen finden Familie von Zofia Mościcka

Zofia Mościcka hat den Zweiten Weltkrieg und zwei Konzentrationslager überlebt. Nach der Befreiung träumte sie von einem Ring mit einem roten Stein – genauso einer wie der, den man ihr im KZ abgenommen hatte. 80 Jahre später nahm ihre Enkelin genau diesen Ring entgegen. Möglich gemacht durch den Einsatz der Schülerinnen des Gymnasiums Nr. 1 in Łańcut im Rahmen des deutsch-polnisch-ukrainischen Bildungsprojekts #StolenMemory.

Am 20. März 2025 übergaben Schülerinnen die Erinnerungsstücke von Zofia Mościcka im Deutsch-Polnischen Jugendwerk (DPJW) in Warschau an ihre Enkelin Elżbieta Kruszyńska. Die Schülerinnen des Gymnasiums Nr. 1 in Łańcut – Michalina Ambicka, Michalina Kępska, Nikola Kubisz, Nikola Leszczyńska, Małgorzata Pasieczna und Nina Ziajka hatten die Familie unter Leitung ihrer Lehrerin Urszula Mach gefunden. Zuvor hatten die Jugendlichen an einem deutsch-polnisch-ukrainischen Seminar in Oświęcim teilgenommen, zusammen mit Schüler*innen der Christian-Rauch-Schule Bad Arolsen und dem Gymnasium Nr. 53 in Kyiv. Veranstaltet wurde das Seminar von der Internationalen Jugendbegegnungsstätte Oświęcim/Auschwitz (IJBS) und den Arolsen Archives.

Die Seminarteilnehmenden lernten dabei, Archivbestände zu nutzen, Suchmeldungen zu schreiben und diese anschließend in verschiedenen sozialen Medien zu veröffentlichen. Außerdem erfuhren sie, wie man Gräber lokalisiert und Kontakt zu verschiedenen Institutionen aufnimmt, um Informationen über Angehörige von Verfolgten zu erhalten.

Anna Meier- Osiński stellt das Projekt vor. Foto: Tomasz Tołłoczko, PNWM
„Diese Zusammenarbeit über Grenzen hinweg hilft uns, Brücken zu bauen, die vor dem Hintergrund der aktuellen bewaffneten Konflikte von besonderer Bedeutung sind.“ Anna Meier-Osiński, Outreach-Managerin der Arolsen Archives.

Offene Wunden

Gerade für die ukrainischen Teilnehmenden war das Thema besonders schmerzhaft. Viele ihrer Liebsten mussten ein ähnliches Schicksal erleiden wie die im Zweiten Weltkrieg verfolgten oder ermordeten Familienmitglieder. Angela Beljak (Wissenschaftliche Mitarbeiterin des Lehrgebiets Public History an der Fernuniversität Hagen, Mitarbeiterin am Gymnasium Nr. 53 in Kyiv) und Oleksandra Belshyna (Geschichts- und Kunstlehrerin am Gymnasium Nr. 53 in Kyiv, schulische Koordinatorin des Projekts „Jugend auf der Spurensuche“) berichteten, wie die Suche nach Angehörigen in einem kriegsgeplagten Land abläuft. Beljak betonte, dass das sowjetische Regime das Gedenken an verschwundene Angehörige jahrzehntelang unterdrückt habe, was bis heute offene Wunden hinterlasse. In diesem Zusammenhang erhält die Rückgabe der Erinnerungsstücke eine neue Bedeutung. „Dadurch wird die Tragödie des Krieges in ihrer Gesamtheit sichtbar, was auch die Brutalität und die Sinnlosigkeit des aktuellen Krieges in der Ukraine deutlich macht“, so Beljak.

Angela Beljak und Oleksandra Belshyna bei der Veranstaltung. Foto: Tomasz Tołłoczko, PNWM

In Archiven verborgene Geschichten

Zofia Mościcka wurde am 10. Mai 1944 von der Gestapo verhaftet und anschließend ins Frauenkonzentrationslager Ravensbrück verschleppt. Zu diesem Zeitpunkt war sie bereits Witwe und Mutter zweier Kinder. Sie wurde als politische Gefangene registriert und die SS nahm ihr alle persönlichen Gegenstände ab, darunter den Ring mit dem roten Stein und einen goldenen Ring.

Die Ringe von Zofia

Nach mehreren Monaten in Ravensbrück überstellten die Nationalsozialisten Zofia ins Konzentrationslager Neuengamme und anschließend wahrscheinlich in eines seiner Außenlager. In den letzten Kriegstagen gelangte Zofia mit den „Weißen Bussen“ des Schwedischen Roten Kreuzes nach Schweden. Im Oktober 1945 kehrte sie mit dem Schiff „Kastelholm“ nach Polen zurück.

Ein Zettel auf dem Grab

Bei der Suche nach Angehörigen stießen die Schülerinnen auf Zofias Grab auf dem Bródno-Friedhof in Warschau. Da die Friedhofsverwaltung keine Kontaktdaten herausgeben durfte, griffen die Jugendlichen zu einer bei Suchen bewährten Lösung: Sie hinterließen einen Zettel mit Informationen und einer Telefonnummer auf dem Grabstein.

„Am Anfang konnte ich es gar nicht glauben. Ich dachte, das wäre irgendein Schwindel. Ich hatte Angst und bat meinen Ehemann, die Nummer anzurufen“, erzählt Elżbieta Kruszyńska. Ihr Mann Stanisław rief die genannte Nummer an und erfuhr von der Lehrerin Urszula Mach die ganze Geschichte. „Es war unglaublich. Mir verschlug es die Sprache, als ich hörte, dass es tatsächlich Zofias Angehörige waren, die mich anriefen“, erzählt die Lehrerin.

„Wir wussten nicht, dass Oma in Konzentrationslagern inhaftiert gewesen war. Sie hat uns erzählt, dass sie bei einem deutschen Bauern gearbeitet hatte, die Lager hat sie aber nie erwähnt“, erzählte Zofias Enkelin. Zofia habe überhaupt nur ganz wenig über den Krieg gesprochen. Sie sei oft krank gewesen, aber trotzdem eine lebensfrohe Dame, die viel gelächelt und wunderschöne Tischdecken geschneidert habe. Zofia Mościcka starb 1996 in Warschau, im Alter von 88 Jahren. Nach der feierlichen Übergabe legten ihre Familie, die Schülerinnen und andere Projektbeteiligte Blumen auf ihrem Grab nieder.

Eine Schülerin im Gespräch mit Elżbieta Kruszyńska. Foto: Tomasz Tołłoczko, PNWM

Weitere Suchen

„Das war der beste Geschichtsunterricht, den man sich vorstellen kann“, lobte die Schulleitung des Łańcuter Gymnasiums die Möglichkeit. Kein Wunder also, dass das nächste deutsch-polnisch-ukrainische Jugendseminar im Juni 2025 ausgerechnet in Łańcut stattgefunden hat. Daran teilgenommen haben Schüler*innen aus Kyiv, Brandenburg an der Havel und Łańcut. Das Ziel: Erfahrungen teilen und neue Suchen starten. Denn in den Arolsen Archives warten noch rund 2000 Gegenstände auf ihre Rückgabe.

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