Polnisch-ukrainisches #StolenMemory-Freiwilligentreffen in Warschau

Zum dritten Mal fand am 9. Januar das Treffen der polnischen #StolenMemory-Freiwilligen und Unterstützer*innen in Warschau statt. Erstmals waren auch Freiwillige aus der Ukraine dabei, wo mit einer Kampagne und der neuen Wanderausstellung verstärkt zur Unterstützung der Suche aufgerufen wird. In den letzten zehn Jahren, seit Beginn der #StolenMemory-Kampagne 2016, hat das polnische Tracing Team der Arolsen Archives gemeinsam mit den Freiwilligen über 400 Familien in Polen ausfindig gemacht. Bei dem von Outreach Mittelosteuropa initiierten Treffen tauschten sich die Teilnehmenden über das bisher Erlebte aus, sprachen über persönliche Motive und reflektierten gemeinsam, wie Geschichte in die Gegenwart hineinwirkt.

„Die Freiwilligen sind das Herzstück von #StolenMemory. Sie haben die Möglichkeit, auf lokaler Ebene zu recherchieren, Kontakt zu Kirchengemeinden und Einwohner*innen aufzunehmen und Nachrichten auf Friedhöfen zu hinterlassen“, schildert Anna Meier-Osiński, Outreach Managerin der Arolsen Archives. Sie ist allen dankbar, die ihre Freizeit der Angehörigensuche und Effektenrückgaben im Rahmen von #StolenMemory widmen. Das alljährliche Treffen wurde von der Stabsstelle Outreach Mittelosteuropa der Arolsen Archives vor drei Jahren initiiert, um das Freiwilligennetzwerk vor Ort zu stärken und zu erweitern.

Neben den Freiwilligen nahmen auch die Koordinator*innen der teilnehmenden Schulen, Mitarbeitenden des Polnischen Roten Kreuzes sowie Vertreter*innen der Arolsen Archives an dem Treffen teil. „Das Engagement der Jugendlichen freut mich besonders“, betonte die Outreach-Managerin dort und hob die gute grenzüberschreitende Zusammenarbeit junger Menschen aus Polen, Deutschland und der Ukraine hervor. „Die Zusammenarbeit funktioniert hervorragend, das Interesse an Geschichte ist groß, und alle begegnen sich mit Feingefühl, auch für die jeweilige Situation. Gerade der Krieg in der Ukraine zeigt ihnen, wie Geschichte bis hinein in die Gegenwart wirkt.“

Das Foto zeigt mehrere Teilnehmende des #StolenMemory Freiwilligentreffens in Warschau bei Gesprächen am Tisch.
Teilnehmende des Freiwilligentreffens #StolenMemory. Foto: Stefan Ronisz

Situation in der Ukraine im Fokus

Berichte von ukrainischen Freiwilligen auf dem Treffen bestätigen dies. „Wir haben 2023 mit der Suche angefangen. Nach einem Jahr Krieg war das Thema #StolenMemory für uns zu einem sehr aktuellen, schmerzhaften Thema geworden“, schilderte Hanna Tarkowska, Lehrerin an der Luftfahrt‑Oberschule der Nationalen Luftfahrt‑Universität in Kyjiw. „Die Workshops, die uns auf die Angehörigensuche vorbereitet haben, führten uns vor Augen, dass wir in der Ukraine jetzt ganz Ähnliches erleben. Seit dem Zweiten Weltkrieg sind 80 Jahre vergangen, und jetzt werden auch wir Gegenstände erhalten, die unseren Gefangenen und Opfern gehörten.”

Ihre Kollegin Oleksandra Belzshyna fügte hinzu: „Derzeit arbeite ich nicht in meinem Beruf, daher ist das Projekt für mich auch ein Teil meiner persönlichen Selbstverwirklichung. Es bedeutet mir viel, dass ich dazu beitrage, die persönlichen Gegenstände an ukrainische Familien zurückzugegeben. Die Rückgabe der Erinnerungsstücke gerade jetzt ist für ukrainische Familien sehr wichtig.“

Das Porträtbild zeigt die beiden ukrainischen Freiwilligen Hanna Tarkowska und Oleksandra Belzshyna (von links)
Von links: Hanna Tarkowska und Oleksandra Belzshyna

Erfahrungsberichte von Freiwilligen

Neben der Thematisierung der schwierigen Situation in der Ukraine stand beim Treffen vor allem der Erfahrungsaustausch im Fokus: Zofia Przeworska, Sabina Kwiatkowska, Kinga Paciorek und Mateusz Mika waren Schüler*innen des Konarski Gymnasium in Oświęcim (Auschwitz) haben sich über das #StolenMemory-Projekt 2019 kennengelernt: Die Bildungsreferentin Ela Pasternak von der Internationalen Jugendbegegnungsstätte (IJBS) hat die Gruppe initiiert und inhaltlich begleitet. Schon zwölf Familien haben die jungen Freiwilligen in den letzten sechs Jahren gefunden.

Beim Treffen erzählten sie, was sie dabei am meisten bewegt. „Der direkte Kontakt zu den Familien berührt mich am meisten. Wir geben ihnen nicht nur Gegenstände, sondern auch Erinnerungen zurück. Zu erleben, was das mit ihnen macht, ist absolut unbezahlbar”, erläuterte Zofia. Für Sabina ist die Verbindung zur eigenen Familie, das, was sie antreibt. Teile ihrer Verwandtschaft wurden selbst in Konzentrationslager deportiert. Kinga schätzt die Freundschaften, die im Zuge einer Recherche entstehen.

von links: Sabina Kwiatkowska, Zofia Przeworska, Mateusz Mika, Kinga Paciorek

Erfüllende Momente

Für Mateusz ist besonders wichtig, dass die Geschichte durch Aktionen wie #StolenMemory lebendig bleibt. „Sie ist nicht für immer in Stein gemeißelt, wir können sie weiterschreiben, indem wir sie in die Hände der Familien zurückgeben, die im Zweiten Weltkrieg Angehörige verloren haben”, betonte er beim Treffen. „Ich freue mich jedes Mal, dass sich die gefundenen Familien trotz des Schmerzes mit uns treffen wollen”, fügte er hinzu, auch mit Blick auf die erste Effektenrückgabe an die Familie von Tadeusz Sieprawski im Juni 2020. „Für die Familie hat es sich angefühlt, als würde Tadeusz endlich nach Hause zurückkehren.“

Auch Brygida Koczar, die sich am Städtischen Kulturzentrum in Żory für #StolenMemory engagiert, erfüllen Momente wie diese – und spornen sie immer weiter an, dranzubleiben. Sie hat schon drei Familien gefunden: „Ich kann mit Sicherheit sagen, dass dies die wichtigste Aufgabe ist, die ich zeitlebens übernommen habe. Keine Diplome und keine Auszeichnungen wiegen Sätze auf wie ‚Das war sehr wichtig für mich, jetzt kann ich ruhig schlafen‘ oder „Dieser Ring ist für mich das Wertvollste, was ich in meinem Leben habe“, betonte sie.

„Ich kann mit Sicherheit sagen, dass dies die wichtigste Aufgabe ist, die ich zeitlebens übernommen habe. Keine Diplome und keine Auszeichnungen wiegen Sätze auf wie ‚Das war sehr wichtig für mich, jetzt kann ich ruhig schlafen‘ oder ‚Dieser Ring ist für mich das Wertvollste, was ich in meinem Leben habe‘.“ Brygida Koczar, Freiwillige bei #StolenMemory
Brygida Koczar. Foto: Stefan Ronisz

Geschichtsunterricht, der berührt

Auch viele Schulen beteiligen sich im Rahmen der langjährigen Kooperation der Arolsen Archives und dem Deutsch-Polnischen Jugendwerk (DPJW) an der Suche: #StolenMemory als deutsch-polnisches Bildungsprojekt wird dabei vom DPJW gefördert. Jacek Andrzejewski zum Beispiel ist Deutschlehrer an der Berufsschule in Gdynia. Seine Schüler*innen haben in Zusammenarbeit mit einer Klasse der Berufsschule in Bad Oldesloe die Familie von Paweł Urlicki gefunden. Beim Treffen berichtete er auch davon, wie es ihm gelingt, nicht nur seine Schüler*innen zu motivieren, sondern auch polnische und deutsche Senior*innen in die Suche einzubinden.

Welche Dynamik eine Suche auch über Organisationsgrenzen hinweg entwickeln kann, zeigt auch die Schilderung von Urszula Mach. Sie koordiniert die #StolenMemory Angehörigensuche am Allgemeinbildenden Gymnasium in Łańcut und erzählte vom starken Engagement einer Freundin aus Warschau bei der Suche nach den Angehörigen von Zofia Mościcka. Zweimal hinterließ sie eine Nachricht am Grab auf dem Bródno-Friedhof in Warschau, bis sich schließlich die Verwandten von Zofia Mościcka bei der Schulklasse meldeten.

„Das war sowohl für die Schüler*innen als auch für uns sehr bewegend.“ Am 20. März 2025 wurde das Erinnerungsstück übergeben. Die Schüler*innen aus Łańcut verfolgen derzeit eine vielversprechende Spur zu einer weiteren Familie und stehen kurz vor einem Durchbruch.

Von links: Jacek Andrzejewski, Brygida Koczar, Sabina Kwiatkowska

„Diese Suche bereichert die pädagogische Arbeit an Schulen immens und sie stößt bei den Schülerinnen und Schülern auf sehr großes Interesse”, ordnete Marek Kiełbiński als Direktor des Ersten Gymnasiums in Mława ein. Das Projekt #StolenMemory sei eine hochinteressante Geschichtsstunde, bei der über die NS-Verbrechen aufgeklärt werden und über die persönlichen Schicksale ein Bezug in die eigene Lebensrealität hergestellt werden könne. Seinen Schüler*innen, die von Małgorzata Bielska angeleitet werden, ist es gelungen, bisher drei Familien zu finden. Als bewegendsten Moment erinnerte sie an die Übergabe einer Halskette an den Sohn von Marianna Midzińska-Stramko, die im Alter von 16 Jahren verhaftet und in die Konzentrationslager Stutthof und Neuengamme deportiert worden war.

Von links: Małgorzata Bielska, Marek Kiełbiński, Jolanta Mieszanek

Erfahrungen des Polnischen Roten Kreuzes

Wird die Suche einfacher, wenn man direkten Zugriff auf eine 7 Millionen Namen umfassende Kartei hat? Nicht unbedingt, so das Fazit von Ewa Leśniewska, Mitarbeiterin beim Polnischen Roten Kreuz, welches #StolenMemory seit Beginn unterstützt. Sie stellte die Arbeitsweise ihrer Organisation beim Treffen vor und schilderte, welche Abläufe notwendig sind, um das Schicksal eines Menschen zu klären. Um festzustellen, ob eine Person den Krieg überlebt hat, konsultiert das Polnische Rote Kreuz das Institut für Nationales Gedenken, das Zentralarchiv der Neuen Akten und regionale Staatsarchive. So ist es etwa möglich herauszufinden, ob die Person irgendwo registriert war und ob sie sich über eine Sozialversicherungsnummer eindeutig identifizieren lässt.

Die Aktivitäten und die Ausstellungen von #StolenMemory in Polen und der Ukraine werden über das Programm „Östliche Partnerschaften“ des Auswärtigen Amts gefördert.

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