Persönliche Gegenstände eines KZ-Überlebenden an seine französische Familie übergeben

Mit der Rückgabe von zwei Armbanduhren und einem Siegelring kehren auch Erinnerungen an Stanislaus Szydlewski zurück: Ein Jahr war er im Konzentrationslager Neuengamme interniert und wog am Ende nur noch 30 Kilogramm, erzählt sein Neffe Harry Klawezynski. Am 21. Februar 2026 hat er die persönlichen Gegenstände seines Onkels entgegengenommen – überreicht von der #StolenMemory-Freiwilligen Nathalie Letierce-Liebig. Sie hat digital in drei Ländern rund um den Globus nach den Angehörigen von Stanislaus recherchiert und ist schließlich im französischen Meyzieu bei Lyon fündig geworden.

Woher stammt Stanislaus Szydlewski? Und wo könnten seine Angehörigen heute wohnen? Von wo aus wurde er ins KZ Neuengamme deportiert und warum? Hat er seine Haft überlebt?

„Der Fall des Stanislaus Szydlewski schien hoffnungslos zu sein, da für ihn außer seinem Geburtstag, der 13. August 1905, keine weiteren Angaben zu seiner Herkunft vorlagen. Wir kannten weder seine Nationalität, noch seinen Geburtsort. Aber es gab diese Häftlingsnummer: 33673“, erzählt Nathalie Letierce-Liebig von ihrer Suche. Nathalie war über 40 Jahre Mitarbeiterin der Arolsen Archives und unterstützt die #StolenMemory-Suche nach Familien seit ihrem Renteneintritt ehrenamtlich.

Die Zahlenfolge und -systematik erinnert sie an die Deportationen aus dem französischen Durchgangslager Compiègne in das KZ Neuengamme. Stanislaus‘ Internierungsdatum, das auf dem Häftlingsverzeichnis des KZ Neuengamme mit dem 7. Juni 1944 angegeben ist, passt zu ihrer Vermutung. Nathalie schaut im Gedenkbuch der französischen Stiftung zur Erinnerung an die Deportation nach und wird fündig.

Deportiert am 4. Juni 1944 aus Frankreich

Stanislaus Szydlewski gehört zu den 2.064 französischen Männern, die die SS am 4. Juni 1944 im Durchgangslager Compiègne in Waggons pfercht und in Richtung KZ Neuengamme verschleppt. Was sie auf dem Transport erleben, skizziert Bernard Morey, der im gleichen Zug wie Stanislaus in Richtung KZ Neuengamme deportiert wird, in seinen Memoiren: „Unser Zug zuckelte dahin… Wir denken nur noch an unseren Durst. Wir wissen nicht, was wir mit den schlaffen Körpern derjenigen machen sollen, die bewusstlos geworden sind… Das Tier tritt an die Stelle des Menschen. In unserem Waggon nehmen die Schlägereien zu.“

Die Nationalsozialisten inhaftieren Stanislaus als „politischen Häftling“, was sie ihm vorwerfen, ist ungewiss. Die Deportierten sind Widerstandskämpfer oder sie haben den von der Vichy-Regierung verordneten Zwangsarbeitsdienst verweigert. Möglicherweise fällt Stanislaus auch einer Razzia zum Opfer: Ab 1944 verhaften die Nationalsozialisten im besetzten Frankreich wahllos Menschen in Ortschaften, in denen sie Widerstandskämpfer vermuten.

Effekten als stumme Zeugen der KZ-Haft

Im KZ Neuengamme angekommen, müssen die Männer sich entkleiden, sie werden desinfiziert und geschoren, bekommen Häftlingskleidung, eine Nummer und sie müssen alle persönlichen Gegenstände abgeben. Stanislaus hat zwei Armbanduhren und einen gelben Siegelring dabei. Sie werden zusammen mit anderen Gegenständen in sogenannten Effektenkammern auf dem KZ-Gelände eingelagert und verbleiben dort, bis die SS kurz vor Kriegsende das Lager räumt – und die Effekten vor den vorrückenden britischen Truppen in der Kegelbahn einer Gaststätte versteckt. Doch britische Truppenfinden die persönlichen Gegenstände – unter ihnen Stanislaus‘ Uhren und der goldene Ring.

1963 kommen ca. 4700 Umschläge mit Effekten nach Bad Arolsen. Mit dem umfangreichen Dokumentenbestand soll der Internationale Suchdienst (heute Arolsen Archives) die Überlebenden oder ihre Angehörigen finden, um die persönlichen Gegenstände zurückzugeben. In hunderten Fällen ist das damals gelungen.

Stanislaus‘ Siegelring und eine seiner Armbanduhren, die seit 1963 in Bad Arolsen verwahrt wurden. Foto: Magdalena Bernard

Die damaligen Recherchemöglichkeiten sind limitiert und Stanislaus oder seine Angehörigen werden zunächst nicht gefunden. Hat er das KZ überlebt? Ist er in seine Heimat zurückgekehrt? Und wo ist diese überhaupt? 2016 starten die Arolsen Archives einen neuen Versuch, um die verbleibenden Effekten zurückzugeben. Inzwischen bieten das Internet, Social Media und digitalisierte Archivbestände ganz neue Möglichkeiten. Und so nimmt die Freiwillige Nathalie die Suche nach Stanislaus 80 Jahre später auf: „Leider waren im Gedenkbuch keine weiteren Personalien zu finden. Und der Name Szydleweski in Frankreich nicht auffindbar. Irgendwann fand ich jedoch auf einer genealogischen Webseite die Spur eines Kindes mit dem Namen Stanislas Szydleweski, das am 20.08.1905 in Bydgoszcz getauft wurde“, erzählt sie.

Erste Spur führt nach Polen

Nathalie schreibt das Staatsarchiv in Bydgoszcz an, vor dem Ersten Weltkrieg Bromberg in Preußen, und bekommt nun die Bestätigung: Bei dem Kind handelt es sich tatsächlich um Stanislaus, geboren am 13.08.1905 in Schwedenhöhe (heute: Szwederowo), eine kleine Siedlung bei Bromberg.

Er wächst mit drei Schwestern in Schwedenhöhe auf, wobei die Jüngste schon mit einem Jahr verstirbt. Doch der Lebensweg der älteren Schwester Marta bringt Nathalie auf eine vielversprechende Spur: Sie heiratet 1924 in Bydgoszcz, heißt nun Klawczyński, bekommt 1926 eine Tochter namens Eugenia und wandert 1931 nach Frankreich aus.

Suche endet erfolgreich in Frankreich

Das erfährt Nathalie aber erst auf einem Umweg über die USA: „Ich konnte im Internet keine Familie mit dem Namen Klawczyński in Frankreich finden – aber jemanden mit einem ähnlichen Namen in den USA: Eugenya F. Smith, geborene Klawezynski. Das Geburtsdatum und der Geburtsort Bydgoszcz stimmte. Für mich gab es keinen Zweifel, dass Eugenia Klawczyński und Eugenya Klawezynski ein und dieselbe Person sind und dass ich somit die Nichte von Stanislaus Szydlewski gefunden hatte.“

Allerdings ist Eugenya 1991 verstorben. Aber Nathalie spürt ihren Bruder, Harry Klawezynski, auf. Er lebt noch: in Frankreich. Am 21. Februar 2026 hat sie den fast 93-Jährigen persönlich getroffen und ihm im Beisein seiner Frau, seines Sohns, seiner Tochter und seines Schwiegersohns die zwei Uhren und den Siegelring übergeben.

Die Familie von Stanislaus ‚Léo‘ Szydlewski bei der Effektenübergabe im Februar 2026. Foto: Georges Sougné

„Harry war sehr gerührt und konnte sich noch gut an seinen Onkel erinnern. Stanislaus wurde von allen ‚Léo‘ genannt und hatte eine Freundin. Sie holte ihn am Bahnhof nach dem Krieg ab und erkannte ihn kaum wieder, weil er so dünn war. Er wog nur noch 30 Kilogramm und war sehr gezeichnet von seiner Internierung.“ Geheiratet haben die beiden nicht. Auch blieb Stanislaus kinderlos. Er arbeitete, wie vor seiner Deportation, als Maler und starb in den 1970er Jahren in Nantes, wohin er seiner älteren Schwester und ihrer jungen Familie gefolgt war.

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