Gemeinsam erinnern: Deutsch-Polnisch-Ukrainisches Seminar in Łańcut und Oświęcim

Schüler*innen dreier Schulen aus Deutschland, Polen und der Ukraine haben an dem Seminar „Jugend auf der Spurensuche“ teilgenommen, das im Juni in Łańcut und Oświęcim stattgefunden hat. Veranstaltet wurde die Begegnung von der Internationalen Jugendbegegnungsstätte Oświęcim/Auschwitz und den Arolsen Archives.

Gemeinsame Workshops, Gespräche, Archivrecherchen sowie Besuche an Orten, an denen sich zu Zeiten des Zweiten Weltkriegs viele tragische Schicksale abgespielt haben, vermittelten den Seminarteilnehmenden Geschichtswissen anhand von menschlichen Schicksalen. Sie boten zudem Raum für den Austausch über die schwierige und schmerzhafte Vergangenheit, die die drei Länder als gemeinsamer Nenner verbindet. Auch an ergreifenden Bezügen zum laufenden Krieg in der Ukraine mangelte es nicht.

Gemeinsames Arbeiten an Rechercheaufgaben im Seminar „Jugend auf der Spurensuche“
Gemeinsames Arbeiten an Rechercheaufgaben im Seminar „Jugend auf der Spurensuche“

Die Geschichte eines außergewöhnlichen Menschen

Die erste Begegnung der Schüler*innen der Spezialisierten Schule für Deutsch Nr. 53 in Kiew, des Henryk-Sienkiewicz-Gymnasiums Nr. 1 in Łańcut sowie des Saldern-Gymnasiums Europaschule in Brandenburg an der Havel fand in Łańcut statt. Die Schüler*innen des Łańcuter Gymnasiums, die bereits an der ersten Ausgabe des Seminars teilgenommen hatten, konnten letztes Jahr die Angehörigen von Zofia Mościcka ausfindig machen und ihnen die persönlichen Gegenstände der Überlebenden übergeben.

Die Seminarteilnehmenden lernten in Łańcut die Geschichte eines ehemaligen Häftlings des deutschen nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz kennen: Tadeusz Szymański, der ebenfalls Schüler des Łańcuter Gymnasiums Nr. 1 gewesen war. Er überlebte den Zweiten Weltkrieg und wurde Mitbegründer der Internationalen Jugendbegegnungsstätte Oświęcim/Auschwitz sowie des Staatlichen Museums Auschwitz-Birkenau. Bis an sein Lebensende setzte er sich für die Versöhnung zwischen den jungen Generationen von Deutschen und Pol*innen ein.

Two participants look at historical photos and documents relating to Tadeusz Szymański.
Zwei Teilnehmende betrachten historische Fotos und Dokumente zu Tadeusz Szymański.

„Opa hätte sich über diese Begegnung gefreut“

An der Jugendbegegnung nahmen auch Tadeusz Szymańskis Enkelin Joanna Barcik sowie ihre Tochter Karolina teil. Dank ihnen konnten die Jugendlichen mehr über die Geschichte dieses außergewöhnlichen Mannes erfahren. 1946 zog Tadeusz Szymański zusammen mit vielen anderen Überlebenden auf das Gelände des ehemaligen Lagers, um sich an den Aufbauarbeiten zu beteiligen. Seine Enkelin betonte, dass ihr Opa sich über die Begegnung der jungen Menschen aus den drei Ländern sehr gefreut hätte.

In den Arolsen Archives befinden sich die Korrespondenzakte von Tadeusz Szymański sowie mehrere Dokumente, die seine Verfolgungsgeschichte belegen – unter anderem aus dem KL Buchenwald. Diese Unterlagen, die der Familie vorher gänzlich unbekannt waren, wurden nun seiner Enkelin übergeben.

Nach der Begegnung in der Schule begaben sich die Teilnehmenden auf eine historische Tour durch Łańcut auf den Spuren von Tadeusz Szymański und anschließend in das Familie-Ulma-Museum in Markowa, das an Pol*innen erinnert, die im Zweiten Weltkrieg ihre jüdischen Mitbürger*innen gerettet haben. Abends nahmen die Jugendlichen an einer Diskussion und einem Workshop über das Leben junger Ukrainer*innen im laufenden Krieg teil. Dieser Programmpunkt wurde von den Seminarteilnehmenden aus Kiew gestaltet.

Smiling students capture a special moment on their cell phones during the seminar.
Lachende Schülerinnen halten besondere Momente des Seminars mit dem Handy fest.

Internationale Jugendbegegnungsstätte Oświęcim/Auschwitz

Im zweiten Teil des Seminars, der in Oświęcim stattfand, brachte Elżbieta Pasternak den Teilnehmenden die Geschichte der Internationalen Jugendbegegnungsstätte (IJBS) näher. Anschließend erzählten Anna Meier-Osiński und Elisabeth Schwabauer von den Arolsen Archives über die #StolenMemory-Kampagne, die Arbeit des Archivs und das DocumentED-Portal. Die Jugendlichen wurden mit der Aufgabe betraut, drei Schicksale aufzuklären – das eines deutschen, eines polnischen und eines ukrainischen ehemaligen KZ-Häftlings. In diesem Rahmen bereiteten die Schüler*innen u.a. Suchplakate vor und erarbeiteten Suchstrategien für die Zeit nach dem Seminar, um das Projekt #StolenMemory an ihren Schulen fortsetzen zu können.

Zudem besichtigten die Seminarteilnehmenden die Stadt Oświęcim. Die Rolle des Guides übernahm einer der ersten Freiwilligen der IJBS im Projekt #StolenMemory, Mateusz Mika, der zusammen mit einer Gruppe von Schulkamerad*innen seit 2019 schon mehr als 10 Familien ausfindig machen konnte. Die Arbeit der Schüler*innen wurde von Elżbieta Pasternak von der IJBS koordiniert.

Pupils work on a poster about Polish Nazi persecutee Danuta Czapska.
Schüler*innen erstellen ein Plakat zur polnischen NS-Verfolgten Danuta Czapska

Die eigenen Vorfahren entdecken

„Ich bin von der Möglichkeit, mit Schüler*innen aus verschiedenen Ländern zusammenzuarbeiten, positiv überrascht. So können wir an unseren Sprachkenntnissen arbeiten und durch die Workshops sowie das Seminar unser Geschichtswissen vertiefen und mehr über unsere Vorfahren erfahren, eigentlich entdecken wir sie sogar“, sagte Marcin Fołta vom Gymnasium Nr. 1 in Łańcut. Seine Schulkameradin Martyna Michno fügte hinzu: „Es ist schön, mit Jugendlichen aus Deutschland und der Ukraine zusammenzuarbeiten. Sie sind sehr offen.“

„Ich glaube, unsere Arbeit wird Früchte tragen und wir werden gemeinsam Gutes tun. Ich finde es gut, dass wir hier sind, so können wir neue Erfahrungen sammeln und zu besseren Menschen werden“, meinte Zofia Szmuc vom Łańcuter Gymnasium. Auf die Frage nach seinem ersten Eindruck hin betonte ihr Schulkamerad Oskar Kumek, das Seminar sei eine gute Möglichkeit, das eigene Geschichtswissen zu vertiefen. „Diese Begegnung führt uns vor Augen, dass Geschichte nicht nur war, sondern immer noch ist“, fügte er hinzu.

Participants share their thoughts about the seminar and their own and family links to this historical period.
Teilnehmende sprechen über ihre Eindrücke und familiären Bezüge zur Geschichte.

Der Clash der Perspektiven

„Solche Begegnungen sind sehr wichtig. Wir lernen das Thema aus unterschiedlichen Perspektiven kennen – sowohl der Opfer, als auch der Täter“, betonte Lily Altenkirch vom Saldern-Gymnasium. Die deutschen Jugendlichen waren von dem Ausmaß des neu erworbenen Wissens überrascht. Zugleich betonten sie den emotionalen Aspekt des Seminars, das ihnen Geschichte durch Einzelschicksale vermittelte.

„Für mich ist [das Seminar] auch sehr besonders“, sagte Albert Wlodarski von dem deutschen Gymnasium. „Weil wir ja auch die Nachfahren der Täter*innen sind aus Deutschland und dann zusammen hier mit den Menschen aus Polen sind und hier an diesem Ort wo die schlimmsten Verbrechen passiert sind. Und dann auch noch zusammen mit den Ukrainer*innen, die sich gerade auch in einem Krieg befinden. Das ist eine ganz interessante Verbundenheit, die wir jetzt hier erleben durch dieses Projekt. Und es war schon auch ganz schön emotional, diese einzelnen Schicksale zu sehen, diese einzelnen Geschichten. Und ich hoffe, dass wir da in den nächsten Tagen noch deutlich mehr erfahren werden.“

„Man lernt sehr viel. Es gibt eine Gemeinschaft, weil ja auch so viele Menschen aus verschiedenen Ländern da sind. Aber es ist natürlich auch sehr emotional belastend. Besonders wenn man über einzelne Geschichten hört, die Personen erlebt haben und was mit ihnen passiert ist“, fügte Julia Lang aus Deutschland hinzu.

"Solange wir nach ihnen suchen und uns mit ihren Schicksalen befassen, bleiben sie unvergessen." Kostiantyn Saveliev, ukrainischer Schüler

Gemeinsam Gutes tun

Auf die Frage nach der Bedeutung des Seminars im Kontext des laufenden Krieges betonten die ukrainischen Jugendlichen, wie wichtig ihnen die Möglichkeit war, Gleichaltrigen zu begegnen, gemeinsam das Wissen zu vertiefen und Schlüsse aus der Geschichte zu ziehen.

„Es ist für uns sehr wertvoll, all diese Informationen zu bekommen, um künftig Fehler zu vermeiden. Es fällt uns ein bisschen schwer, hier zu sein, doch wir betrachten das Seminar als eine kostbare Erfahrung“, sagte Anna Mishchuk.

Wie sich herausstellte, hatten das KL Auschwitz sowie andere Konzentrationslager auch in den Familiengeschichten einiger Teilnehmenden eine Rolle gespielt. Die Möglichkeit, an historischen Originaldokumenten zu arbeiten, war für sie der Schlüssel zum Schicksal ihrer Vorfahren. „Solange wir nach ihnen suchen und uns mit ihren Schicksalen befassen, bleiben sie unvergessen.“ sagte Kostiantyn Saveliev.

Final presentation of the projects worked on during the seminar
Abschlusspräsentation der im Seminar erarbeiteten Projekte.

Wenn ein Krieg tobt

Am letzten Seminartag besuchten die Jugendlichen das ehemalige KL Auschwitz-Birkenau. Nach diesem besonders schwierigen Programmpunkt konnten sie sich bei mehreren Reflexionsrunden über ihre Gefühle austauschen.

Bei Anna aus der Ukraine hatte das ehemalige Lager traumatische Erinnerungen an die Zeit geweckt, als sie und ihre Familie unter russischer Besatzung leben und sich einen einzigen Laib Brot zu vierzehnt teilen mussten. Eine andere ukrainische Teilnehmerin sprach über die Angst, die sie jedes Mal empfindet, wenn sie sich von ihrem Vater, einem Offizier der ukrainischen Armee, verabschiedet.

Im Hinblick auf den laufenden Krieg tauschten sich die Jugendlichen gerne aus und lauschten aufmerksam den ergreifenden Geschichten der ukrainischen Schüler*innen. Diese wiederum betonten besonders eindringlich, wie wichtig solche Begegnungen sind und was es ihnen bedeutet, gemeinsam Zeit verbringen zu können, ohne sich Sorgen um Luftangriffe und Bomben machen zu müssen.

Angela Beljak and Hanna Hüttner in conversation with the pupils.
Angela Beljak und Hanna Hüttner im Austausch mit den Schüler*innen.

Wir bedanken uns herzlich für die gute Zusammenarbeit und die Gastfreundschaft beim Gymnasium Nr. 1 in Łańcut, der Internationalen Jugendbegegnungsstätte Oświęcim/Auschwitz (Elżbieta Pasternak, Angela Beljak, Hanna Hüttner, Tomasz Kubiak) sowie bei den Multiplikatorinnen und Betreuerinnen der Jugendlichen aus der Ukraine (Oleksandra Belshyna, Maria Iakovenko), Deutschland (Michaela Görlitz, Antje Kuhr) und Polen (Urszula Mach). Wir sind fest davon überzeugt, dass Versöhnung, Zusammenarbeit und Dialog bedeuten, Brücken des Friedens zu bauen.

 

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