„Endlich kann seine Geschichte zu Ende erzählt werden“: Rückgabe an Familie von NS-Opfer in Frankreich

Lange sieht es so aus, als wäre die Suche nach den Angehörigen von Jan Poliwczak aussichtlos. Außer seinem Namen, seinem Geburtsdatum und der polnischen Nationalität gibt es keine weiteren Hinweise zu seiner Herkunft. Es ist die Häftlingsnummer, die die Freiwillige Nathalie Letierce-Liebig schließlich auf eine Spur nach Nordfrankreich führt. Dort, unweit des letzten Wohnorts von Jan, in Prémont, haben die Hinterbliebenen im April 2026 seine letzten persönlichen Gegenstände zurückerhalten, die auch an ein weiteres Familienmitglied erinnern.

„Ich kann richtig spüren, wie mich diese Uhr mit meinem Großonkel verbindet, obwohl er schon so lange tot ist. Sie hilft, seine Geschichte zu Ende zu erzählen, bevor die Erinnerung an ihn vollständig verblasst“, sagt Patricia Dehent. Sie hält sichtlich bewegt die kleine silberne Uhr mit einem roten Ziffernblatt in den Händen. Zusammen mit Jans Großneffen Didier Dehent und weiteren Angehörigen ist sie ins Rathaus nach Prémont gekommen, um gemeinsam zu erfassen, was von Jan Poliwczak geblieben ist: eine Uhr, zwei Siegelringe und ein paar verschwommene Erinnerungen, an einen Verwandten, dessen Spur sich nach seiner Verhaftung durch die Deutschen 1944 verliert.

Die Angehörigen von Jan Poliwczak bei der Effektenübergabe im Rathaus von Prémont. Von links nach rechts: Großneffe Didier Dehent, die Freiwillige Nathalie Letierce-Liebig und Großnichte Patricia Dehent sowie weitere Angehhörige. Foto: Patricia Leveaux

„Bei Familienessen wurde öfter über einen Großonkel gesprochen, der Kommunist war und der von der Gestapo verhaftet wurde, als er aus einem Bus stieg. Er war der Bruder meiner Großmutter. Sie hat zeitlebens versucht herauszufinden, was mit ihm passiert ist, aber sie hat nichts in Erfahrung bringen können“, erinnert sich Didier Dehent. „Für uns als Familie ist dies wirklich besonders, jetzt diese Gegenstände, diese Uhr, die Ringe zurückzubekommen, sie in den Händen zu halten und das 80 Jahre nach seinem Verschwinden.“

Jan Poliwczak, der unter dem Namen Jean Poliwezak im Militärarchiv des französischen Verteidigungsministeriums geführt wird. ©Service historique de la Défense, CHA Caen cote AC 40 R 1706 et AC 27 P 6902

Letzter Wohnort: Bohain-en-Vermandois

Jan Poliwczak wird am 15.12.1910 in Uherce, Kreis Sambor (heute: Sambir, Ukraine), geboren. Er hat eine Schwester, Anna. Wann seine Familie nach Frankreich zieht, ist unklar. Klar ist, sowohl Jan als auch Anna leben bei Kriegsausbruch in Bohain-en-Vermandois, einem kleinen Ort in Nordfrankreich. Dort heiratet Anna 1941 Louis Dehent. Ein Jahr später drängt die Vichy-Regierung Jan und seinen Schwager Louis zu einem Arbeitseinsatz in Österreich – ein Propagandaprogramm, um französische Kriegsgefangene von den Nationalsozialisten freizukaufen.

Heute weiß die Familie, dass Jan verlobt war. Neueste Recherchen haben ergeben, dass seine Verlobte Marie hieß. Das Foto, das das Paar zeigt, entdecken Jans Angehörige erst kurz vor der Effektenübergabe in einer Kommode. Foto: Patricia Leveaux

Jan arbeitet in Wien bei den Saurerwerken und hilft in der Produktion von Nutzfahrzeugen. Louis muss zur Reichsbahn. Ende 1943 kehren beide nach Frankreich zurück – Mitte 1944 verhaftet die Gestapo die beiden kurz nacheinander und verschleppt sie ins Internierungslager Compiègne. Was die Nationalsozialisten Jan vorwerfen, ist ungewiss.

Enthüllung der Namen von Jan Poliwczak und seinem Schwager Louis Dehent auf dem Kriegsdenkmal in Bohain-en-Vermandois: Die beiden Deportierten wurden jetzt nachträglich eingraviert – ein weiterer Erinnerungsbaustein als Ergebnis einer #StolenMemory-Recherche. Foto: Adrien Leroux-Girard

Im Viehwaggon ins KZ Neuengamme deportiert

Jan und Louis gehören zu den 2.064 französischen Männern, die die SS am 4. Juni 1944 im Durchgangslager Compiègne in Waggons treibt und in Richtung KZ Neuengamme verschleppt. Die Deportierten sind Widerstandskämpfer oder sie haben den von der Vichy-Regierung verordneten Zwangsarbeitsdienst verweigert. Auf dem Transport erleben sie bei extremer Hitze Hunger, Durst und Gewalt.

Zwangsarbeit in Batteriefabrik

Im KZ Neuengamme angekommen müssen die Deportierten alle persönlichen Gegenstände abgeben. Jan hat eine Armbanduhr und zwei Siegelringe dabei. Sie werden zusammen mit tausenden anderen Effekten auf dem KZ-Gelände eingelagert und verbleiben dort, bis die SS das Lager in den letzten Kriegstagen räumt. Jan dagegen verschleppt die SS bereits am 1. Juli 1944 weiter in Richtung Hannover. Angekommen im Außenlager Stöcken muss er vermutlich für die Accumulatoren-Fabrik AG, der heutigen Varta AG, Zwangsarbeit verrichten. Die Häftlinge werden dort in der Produktion von U-Boot-Batterien eingesetzt. Die Arbeitsbedingungen sind katastrophal. Viele erkranken oder sterben bei Unfällen. Für das Lager Stöcken sind 402 Tote registriert, eine unbekannte Anzahl an Häftlingen stirbt nach dem Rücktransport ins Stammlager Neuengamme.

Die beiden Siegelringe und die Armbanduhr, die bis 2026 in Bad Arolsen verwahrt wurden. Gehörte der goldene Ring der Verlobten von Jan - Marie ? Er enthält eine Gravur mit dem Buchstaben „M“. Foto: Arolsen Archives

Mit dem Vorrücken der amerikanischen Truppen Anfang April 1945 räumt die SS das Außenlager. Die Häftlinge, die noch gehen können, werden in Richtung Bergen-Belsen getrieben. Die, die zu schwach sind, zwischen 400 und 600 Menschen, pfercht die SS in Waggons und transportiert sie ab. Laut Recherchen des International Tracing Service – heute Arolsen Archives – befindet sich Jan unter ihnen. Der Zug strandet in der Nähe von Gardelegen, etwa 120 Kilometer östlich von Hannover. Sie sind von den Alliierten eingekesselt, das Schienennetz in Richtung Osten zerstört. Auch andere Züge aus anderen Lagern enden hier.

Massaker von Gardelegen

Mehrere Tage lässt die SS Tausende Menschen in der Enge der Waggons ohne Verpflegung ausharren. Am 11. April öffnen sich die Türen, die SS zwingt die Überlebenden auf verschiedenen Marschrouten nach Gardelegen. Mindestens 373 sterben auf dem Weg oder werden erschossen, wenige können fliehen. Die restlichen Menschen sperren die Nationalsozialisten am 13. April in einer Feldscheune am Stadtrand bei Gardelegen ein. Der NSDAP-Kreisleiter Gerhard Thiele gibt in Absprache mit anderen Verantwortlichen den Befehl, die Häftlinge zu töten. Sie entzünden in der Scheune ein Feuer. 1.016 Menschen verbrennen, ersticken oder werden beim Versuch zu fliehen, erschossen. Die US-Armee erreicht die Scheune einen Tag später, birgt die wenigen Überlebenden und dokumentiert das Verbrechen. Gerhard Thiele gelingt die Flucht. Insgesamt beteiligen sich über 100 Personen an dem Massaker von Gardelegen.

Die ausgebrannte Scheune bei Gardelegen, in der 1.016 Menschen grausam ermordet wurden: Quelle: US Army, public domain/ Wikimedia Commons

Zu welchem Zeitpunkt Jan in oder bei Gardelegen ermordet wird, ist ungewiss. Nicht alle der insgesamt fast 1.600 von den Nationalsozialisten notdürftig verscharrten Körper rund um die Kleinstadt können später identifiziert werden. 1950 gehen die Behörden davon aus, dass er einer der Unbekannten ist, der unter Aufsicht der US-Armee von Dorfbewohner*innen kurz nach seiner Ermordung umgebettet wird und bis heute auf dem Ehrenfriedhof begraben liegt.

Anders als Jan überlebt sein Schwager Louis Dehent die Internierung in deutschen Konzentrationslagern. Er kehrt nach Kriegsende zu seiner Frau Anna zurück. Diese wartet zeitlebens auch auf die Rückkehr ihres Bruders Jan. Sie stirbt 1988, ohne jemals etwas über sein Schicksal erfahren zu haben. Nun plant die Familie, seine Effekten zu ihr ins Familiengrab zu legen und seinen Namen auf den Grabstein einzugravieren.

Mahnmal für die Opfer des Massakers von Gardelegen. Ein Kreuz steht auch für das Schicksal von Jan. Quelle: Daniel Rohde-Kage unter Creative Commons Lizenz

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