Eine Uhr kehrt nach Krakau zurück
„Ich hätte nicht gedacht, dass der Fall nach 80 Jahren wieder aufgerollt wird. Ich war sechs Wochen alt, als die Gestapo meinen Vater verhaftete“, sagt Adam Kękuś. 83 Jahre später hält er die Uhr seines Vaters Franciszek in Händen. Am 17. Februar 2026 hat er sie im Krakauer Museum von den Arolsen Archives zurückerhalten.
Adam Kękuś kennt die Uhr von einem Familienfoto. Es zeigt seinen Vater Franciszek, lässig angelehnt an die Tür seines Friseursalons: Vom Lehrling im dörflichen Südpolen hat er sich zum angesehenen Meister im mondänen Krakau hochgearbeitet.
Franciszek Kękuś wird 1907 in Rajsko, heute südliches Polen, geboren. „Dort gab es so ein schönes, altes Haus mit Strohdach. Und ein wunderschönes Feld neben dem Haus. Im Garten wuchsen Pflaumenbäume, hauptsächlich ungarische und Damaszener-Sorten“, erinnert sich sein Sohn Adam Kękuś an den Garten seiner Großeltern. Zusammen mit seiner Frau Krystyna und seinem Sohn Marcin ist er am 17. Februar 2026 ins Krakauer Museum gekommen.
Zwischen Friseurlehre und Fahrradausflügen
Gerne erinnert Adam sich an seine Kindheit und Jugend zurück. Er lässt das Leben seines Vaters Franciszek auch anhand berührender Fotos, die er zur Rückgabezeremonie mitgebracht hat, Revue passieren: Nach dem Schulabschluss beginnt Franciszek eine Friseurlehre und geht nach Krakau. Er brennt für seine Profession, liebt aber auch Fahrradausflüge ins Gebirge, in die Tatra. „Wann immer er konnte, versuchte er, dorthin zu fahren. Das sieht man auf den Fotos, vor allem auf denen aus der Vorkriegszeit“, erzählt Adam.
Am 4. Februar 1940 heiratet Franciszek. Er und seine Frau Zofia Kania bekommen noch im gleichen Jahr eine Tochter, Ewa. 1942 kommt ihr Sohn Adam zur Welt. Adam ist sechs Wochen alt als die Gestapo im Dezember 1942 Franciszeks Friseursalon betritt und ihn festnimmt. Warum sie ihn ins Gestapo-Gefängnis in der Montelupich-Straße bringen, ist und bleibt unklar. Kurz vor dem Jahreswechsel wird er nach Auschwitz deportiert, er erhält die Häftlingsnummer 85101 und ihm werden seine Uhr und alle persönlichen Kleidungsstücke abgenommen.
Entmenschlichung im KZ Auschwitz und Neuengamme
Am 4. Februar 1943 wird Franciszek Kękuś einer medizinischen Untersuchung durch Mitarbeitende des SS-Hygiene-Instituts unterzogen, wie aus den Dokumenten aus den Lagern deutlich wird. Als gesund erklärt, ist ab jetzt ist sein Leben von harter Zwangsarbeit geprägt. Im Spätsommer 1944 verlegen ihn die Nationalsozialisten in das Konzentrationslager Neuengamme. Seine Uhr schickt die SS hinterher.
Im Mai 1945 wird das Lager Neuengamme befreit. „Vater kam im Sommer 1945 in einem schrecklichen Zustand zurück. Als er zu Hause auftauchte, war er zerlumpt, unrasiert und ausgehungert. Meine Schwester, die ihn sah, kroch vor Angst unter das Bett. Ich nicht.“, erinnert sich Adam. Der Vater will so schnell wie möglich wieder ein normales Leben führen und das KZ vergessen.
Wie weiterleben?
Erst sieht es so aus, als würde Franciszek Kękuś gelingen, sich wiedereinzufinden. „Er hat sich ziemlich schnell wieder aufgerappelt und ist rasch an seinen Arbeitsplatz zurückgekehrt. Das war schließlich sein Leben“, erzählt sein Sohn. Doch der Schein trügt. Das Erlebte kann Franciszek nicht vergessen. Eine psychiatrische Behandlung soll ihm dabei helfen, das Trauma zu verarbeiten, doch die damals üblichen Elektroschocks machen alles nur noch schlimmer. Obwohl er für ihn ein treusorgender und liebevoller Vater ist, beobachtet sein Sohn eine Veränderung.
Mehr und mehr verliert Franciszek die Lebensfreude. Da ist Adam ein Teenager, 14 oder 15 Jahre alt. „Er wurde still, verschlossen, abwesend. Heute sehe ich das etwas anders, aber für mich passierte damals etwas. Ich habe es gesehen, aber mir war nicht bewusst, was es war“, erzählt Adam. Kurz vor Weihnachten, am 13. Dezember 1958, nimmt sich Franciszek Kękuś das Leben. Er ist 51 Jahre alt. „Er war noch ein junger Mann“, sagt sein Sohn.
Bewegende Rückgabe
Drei Jahre später, 1963, kommen Franciszeks Uhr zusammen mit den persönlichen Gegenständen anderer Häftlinge aus dem KZ Neuengamme zu den Arolsen Archives . In den Nachkriegsjahren ist es allerdings schwer, die rechtmäßigen Besitzer*innen oder ihre Angehörigen zu ermitteln. Erst 63 Jahre später, dank moderner digitaler Recherchemöglichkeiten, ist dies nun mithilfe eines fünfköpfigen Freiwilligenteams von #StolenMemory gelungen. Ein sichtlich berührender Moment für Adam.